Psychologie heute: "Sie haben Krebs, wissen Sie das?"
Die
Ausgabe November 1995 der Fachzeitschrift "Psychologie heute" behandelt
ausführlich das Thema Krebsdiagnose-Übermittlung. Tom Doch diskutiert,
wie Ärzte ihren Patienten schwerwiegende Diagnosen übermitteln. Neben
einer Reihe von Beispielen der Brutalübermittlung, zeigt Doch auf, was
bei der Diagnoseübermittlung zu beachten ist und welchen Stellenwert die
Informationsübermittlung für die Krebstherapie hat.
Zu Beginn berichtet der Autor über Brutalübermittlungen der schlimmsten Form. Zu oft werde der Patient während der Visite mit der Schreckensbotschaft überrumpelt und mit seinem Schicksal allein gelassen.Viele Ärzte sind mit ihrer Botenfunktion überfordert und versuchen die Dianoseübermittlung schnell hinter sich zu bringen. Zu recht urteilt Doch: "Brutalübermittlungen dieser Art wirken herzlos, kalt und abweisend. (...) Leichtfertig wird die Grenze zur fahrlässigen Seelen- und Körperverletzung überschritten". Am schlimmsten sei, daß das Vertrauen in Können und Umsichtigkeit des Artzes zerstört würde, das von signifikanter Bedeutung für den Erfolg jeder Therapie sei. Im folgenden schildert Doch die Erfahrung eines Arztes, der lernt, das es für die Übermittlung der Schreckensbotschaft auch bessere Wege gebe. Nach der Diagnose-Übermittlung beim Patienten zu bleiben, abzuwarten und zuzuhören, gäben dem Patient und auch dem Arzt ein erheblich besseres Gefühl.
Gründe für die unsensible Diagnose-Übermittlung sei Unsicherheit und mangelnde Kompetenz in Gesprächsführung. Das Medizinstudium schließe Gesprächsführung und Kommunikationstechniken nicht mit ein. Die wenigen Seminare, die vereinzelt an Universitäten angeboten würden, fielen bei den Studenten nur auf geringes Interesse. Hinzu käme, daß die meisten Ärzte total überlastet seien und im rationalisierten Praxisbetrieb nur wenig Zeit bliebe für ein einfühlsames Arzt-Patienten-Verhältnis. Außerdem beklagt der Autor, daß eine Kooperation von Medizin und Psychologie nicht ausreichend stattfände.
Bei der Übermittlung von schwerwiegenden Dianosen habe der Arzt folgendes zu beachten:
Psychologie heute: "Der Patient hat einen Anspruch auf die Wahrheit"
Psychologie heute rundet das Thema mit einem Gespräch mit dem Medizinprofessior über die Sprachlosigkeit der Ärzte ab. Professor Dr. Linus Geisler ist seit 1976 leitender Arzt der Inneren Abteilung am St. Barbara-Hospital in Gladbeck. Er ist Autor des Buches "Arzt und Patient - Begegnung im Gespräch (Pharma-Verlag, Frankfurt). Das Gespräch mit Professor Geisler führte Tom Doch.
Geisler sieht das Problem der katastrophalen Dianose-Übermittlungen in der Tendenz, daß durch dir Hightech-Medizin der Wert der Kommunikation in den Hintergrund gerückt sei. Dabei sei das Wort immer noch das wichtigste Instrument des Arztes. Er verbringe 70 bis 80 Prozent seiner Arbeitszeit sprechend. Ein weiteres Problem sei, daß der Arzt "den Kopf voll" habe. Er müsse die Diagnose richtig übermitteln, die Aufklärungs-Gepflogenheiten und juristischen Modalitäten beachten. Die eigenen Ängste des Arztes machen den Moment der Diagnose-Übermittlung zu einem Kanossagang.
Geisler weist darauf hin, daß die Diagnose immer schon ein Teil der Therapie sei. Fände der Arzt in den ersten 10, 20 Sekunden eines solchen Gesprächs nicht die richtigen Worte, stehe die Therapie von Anfang an unter einem schlechten Stern. Schon Goethe habe gesagt: "Wer das erste Knopfloch verfehlt, wird beim Zuknöpfen immer Probleme haben." Da die Wahrheitsübermittlung beim Patienten immer mit Assoziazionen verbunden sei, müsse das individuelle Vorwissen des Patienten miteinbezogen werden. Geisler betont, daß Wahrheitsübermittlung ein prozeßhaftes Geschehen sei und keinesfall mit der Betätigung eines Kippschalters zu tun habe. Aus diesem Grund müsse man besonders SANFT und mit viel EINFÜHLUNGSVERMÖGEN vorgehen. Auch wenn der Patient Anspruch auf die Wahrheit habe, müsse die Phasen der Verdrängung beim Patienten respektiert werden. "Niemand kann lange in die Sonne der Wahrheit sehen" - so Geisler. Sigmund Freund, der ein Kieferkarzinom hatte, soll zum behandelnden Arzt gesagt haben: "Mit welchem Recht sagen Sie mir die Wahrheit"?
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