Schweiz 15. September 2005, 01:57

Scharlatane versprechen Krebsheilung
Die Verzweiflung treibt viele Krebspatienten in die Arme von unseriösen Heilern, Scharlatanen und Sekten.
Von Hugo Stamm

Zürich. – Jedes Jahr trifft es rund 32 000 Schweizerinnen und Schweizer: Die Diagnose Krebs stürzt die meisten in eine Lebenskrise. In ihrer Verzweiflung suchen sie nach neuen oder alternativen Heilmethoden. Dabei stossen viele auf Scharlatane, die gern Wunder versprechen und noch lieber grosse Rechnungen stellen. Es ist verständlich, dass sich Krebspatienten an jeden Strohhalm klammern, doch es kann tödlich sein, sich dem falschen Heiler oder der falschen Gruppe anzuvertrauen.
Ein Beispiel: Ein Leser erkundigt sich beim TA nach dem deutschen Arzt Geerd Hamer und schildert die dramatische Krankengeschichte seiner Ehepartnerin. Ein Knötchen in der linken Brust erweist sich als bösartig. Die esoterisch interessierte Frau misstraut der Schulmedizin und wendet sich an eine «Therapeutin», die nach Methoden der «Germanischen Neuen Medizin» von Geerd Hamer arbeitet. Der mehrfach zu unbedingten Gefängnisstrafen verurteilte Arzt behauptet, Krebs werde ausschliesslich von traumatischen Erlebnissen oder seelischen Konflikten verursacht und lasse sich mit psychotherapeutischen Massnahmen problemlos heilen. Voraussetzung sei, dass die Patienten konsequent Chemotherapie und Bestrahlung verweigerten und keine Schmerzmittel konsumierten.


Esoterikwelle und Misstrauen

Nach einem Jahr platzte der inzwischen gewachsene Knoten. Die ganze Brust war vereitert. Die 46-jährige Frau litt höllische Schmerzen. Ohne schulärztliche Behandlung werde sie bald sterben müssen, sagten ihr die Ärzte. Trotzdem vertraute sie weiter dem Scharlatan Hamer. Die Patientin zerfiel körperlich rasch und benötigte einen Rollstuhl. Eine Röntgenaufnahme zeigte, dass der Krebs grosse Teile des Knochens «aufgefressen» hatte. Die Hamer-«Therapeutinnen» behaupteten, die Schmerzen seien Ausdruck der Heilung, die Knochen würden nachwachsen. Eine Woche später starb die Frau unter Qualen.

Mit der Esoterikwelle rollte auch der Markt der alternativen Heilmethoden über uns. Gleichzeitig wuchs das Misstrauen gegenüber der Schulmedizin. Heute arbeiten in der Schweiz rund 13 000 Geistheiler, Handaufleger, Reiki-Meister oder Magnetopathen und generieren Hunderte Millionen Franken Umsatz. Angeboten werden 500 verschiedene Heilmethoden. Die Vielfalt der Angebote ist verwirrend. «Es vergeht kaum ein Tag, an dem mir nicht eine Bekannte ein neues Mittelchen, eine neue Heilmethode, ein neues Rezept oder einen neuen Heiler empfiehlt, mit denen sich der Krebs besiegen lasse», klagt eine TA-Leserin, die unter Brustkrebs leidet. «Ich setze mich unter Druck und will alle Ratschläge befolgen. Dabei gerate ich unter Stress und erlebe eine Achterbahn der Gefühle: Auf jede Hoffnung folgt eine Enttäuschung. Ich will von Vitaminen, Diäten, Heilmethoden und Wunderheilern nichts mehr wissen.»
So verständlich die Hoffnung auf eine wundersame Heilung auch ist: Die Erfahrungen sind ernüchternd. Es gibt kein sicheres Rezept gegen Krebs. Heiler, die Heilungen versprechen, sind Scharlatane. Daran ändern auch die Tausenden von «erfolgreichen» Fallbeispielen nichts. Sie halten einer unabhängigen Überprüfung nicht stand, oder es handelt sich um Spontanheilungen, wie sie auch in der Schulmedizin vorkommen. Oft werden auch temporäre Linderungen vorschnell als Heilungen interpretiert, oder Heiler diagnostizieren harmlose Symptome als Krebs. Sind die Patienten nach ein paar Wochen «gesund», wird die scheinbare Genesung als Wunderheilung gefeiert.

Auch Sekten sind mit von der Partie
Neben den Heilern bieten auch sektenhafte Gruppen «Heilmethoden» an. Uriella glaubt, mit göttlicher Kraft heilen zu können, der Arzt Matthias Rath sieht in seinen Vitaminpräparaten das ultimative Heilmittel, die Anhänger von Bruno Gröning glauben an spirituelle Wunder, die Amerikanerin Hulda Clark sieht in medizinisch nicht nachweisbaren Egeln die Ursache für Krebs, die sich mit einem seltsamen Elektrogerät abtöten lassen sollen. Auch viele Freikirchen glauben, nach dem gemeinsamen Gebet heile Gott immer mal wieder Krebspatienten.
Trotz aller Skepsis: Für Patienten, die an übersinnliche Phänomene glauben, kann der Gang zum Heiler eine Linderung bringen. Der Glaube, ein «berühmter» Handaufleger könne Wunder bewirken, fördert Hoffnung, Lebenswille und Mut. Das fördert den Placeboeffekt und kann zeitweise die Lebensqualität verbessern. Spitzt sich die Situation aber wieder zu, ist die Enttäuschung besonders gross.

Viele Heiler sind sich aber ihrer Verantwortung durchaus bewusst und machen keine falschen Hoffnungen. Hüten müssen sich Patienten allerdings vor Handauflegern, die keine ärztliche Diagnose verlangen und vor dem Arztbesuch warnen.